Bezeichnet den wohl am weitesten verbreiteten Antisemitismus in der Gegenwart und findet sich in jeder Gesellschaftsschicht. Zu den gängigen Motiven gehört die Gleichsetzung israelischer Politik mit dem NS-Regime, etwa wenn von einem Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser oder vom Gazastreifen als „Ghetto“ die Rede ist. Auch abgeschwächte Formen, wie der Vergleich mit dem Apartheitsregime in Südafrika sind Ausdruck eines israelbezogenen Antisemitismus. Zu diesem Antisemitismus gehört gleichermaßen der Antizionismus, der einzig den Juden das Recht bestreitet, in einem souveränen Nationalstaat zu leben. Der Philosoph Jean Améry brachte dies in dem treffenden Bild zum Ausdruck, dass der Antisemitismus im Antizionismus enthalten sei, wie das Gewitter in der Wolke.

 

 

FALLBEISPIEL: Israel in den deutschen Medien

 

Wie wir bei der Berichterstattung über die Messerangriffe gesehen haben, ist ein beliebtes Verfahren die Umkehrung von Ursache und Wirkung. Immer wieder kann man das bei Raketenbeschuss Israels aus dem Gazastreifen beobachten, die oft ungemeldet bleiben – im Gegensatz zu der darauffolgenden Reaktion Israels. So erfuhr man aus den meisten Medien, von Zeitungen über Radionachrichten bis zum Fernsehen, dass die Israelis den Gazastreifen angegriffen hätten; dass zuvor die Hamas Raketen auf Israel abgeschossen habe, fiel dabei unter den Tisch.

Nahezu symptomatisch war das während des Gazakriegs im Sommer 2014, als die Hamas nachgewiesenermaßen 14 Mal eine ausgehandelte Waffenruhe mit Raketen oder Granatenbeschuss brach. Vermeldet wurden diese Verstöße gegen die Waffenruhe aber nicht als eigenständige Ereignisse, sondern nur als Hintergrundinformation, sobald Israel mit eigenen Angriffen zurückschlug. Auch die Umstände der israelischen Angriffe wurden nur selektiv berichtet: Oftmals galten diese der Verhinderung eines gerade vorbereiteten Raketenangriffs, indem die Abschussrampen gezielt bombardiert wurden. Da diese Rampen nicht selten auf einem Schulhof oder neben einer Klinik platziert wurden, kam es unweigerlich zu zivilen Opfern oder zumindest zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur. In der Berichterstattung rückte dies gegenüber erfolgten oder geplanten Raketenangriffen in den Vordergrund.

Für solche Verdrehungen gibt es zu viele Beispiele, als dass sie nicht als eine besorgniserregende Grundtendenz erkennbar wären. So titelte Spiegel Online am 7. Juni 2010: „Israels Marine tötet vier Palästinenser im Taucheranzug“ – eine Überschrift, die impliziert, es habe sich um palästinensische Zivilisten gehandelt. Tatsächlich befanden sich die Kampftaucher der Hamas schwerbewaffnet in einem Schlauchboot auf dem Weg zu einem Terrorangriff in Israel. Einen Höhepunkt unter den kuriosen Überschriften erlaubte sich schließlich Focus Online im Zusammenhang mit iranischen Drohungen gegenüber Israel: „Israel droht mit Selbstverteidigung“. Hier wird in einer subtilen Wendung Israel als angreifende Partei dargestellt, die ihren Angriff als Selbstverteidigung tituliert.

Zusammenfassend kann man für typische antiisraelische Tendenzen in der Medienberichterstattung festhalten:

SELEKTIVITÄT
Nachrichten und Nachrichteninhalte werden ausgewählt, um bestimmte Darstellungsmuster und –erwartungen zu bedienen. Im Zweifelsfall erscheint den Redakteuren und dem Publikum eine Schlagzeile wie „Palästinenser tötet Siedler“ weniger interessant, als „Siedler verprügelt Palästinenser“.

VERZERRUNG

Überbetonung einzelner Aspekte, Vernachlässigung anderer.

 

WIEDERHOLUNG
und damit zusammenhängend

 

ADDITIVITÄT
Wenn Meldungen nach einer Sorte favorisiert und auf diese Weise „wiederholt“ werden, führt die geballte Masse ähnlicher Meldungen beim Leser oder Zuschauer zu einer verfälschten Vorstellung von der Realität im israelisch-palästinensischen Konflikt.

 

KOMPLEMENTIERUNG
Eine eigentlich unspektakuläre Nachricht wird durch dazu passende, interessante Elemente angereichert.

 

VEREINFACHUNG
Ein komplexes Ereignis wird auf wenige Punkte zusammengerafft.

 

IDENTIFIKATION
Täter und Opfer werden festgelegt, oft gemäß den Vorurteilen der Redakteure oder der mutmaßlichen Konsumenten und deren vorgefassten Meinungen.

 

SENSATIONALISMUS
Selbst banale Ereignisse werden dargestellt, als wären sie eine Sensation. So wird ihr Nachrichtenwert erhöht.
Ein beliebtes Darstellungsmuster für die Berichterstattung aus Nahost ist Deutung der Ereignisse, der zufolge Palästinenser die Opfer des Konflikts und Israelis die Aggressoren sind, weswegen Palästinenser als Täter selten erwähnt werden. Sehr deutlich wurde diese Tendenz etwa in englischsprachigen Medien im Herbst 2014, nachdem palästinensische Terroristen gezielt in Menschenmengen an Haltestellen fuhren (und danach oft auch noch mit einem Messer in der Hand ausstiegen, um die Verletzten zu erstechen). In der Presse führte diese Tendenz zu kuriosen Titeln; so berichtete BBC am 22. Oktober 2014, „Nine hurt as car hits pedestrians at Jerusalem station“, als hätte sich ein Auto selbstständig gemacht. Auch in der abgedruckten Schlagzeile der CNN, „Car hits civilians waiting at rail stop in Israel, killing baby, wounding others“, wird der mit einem Auto ausgeübte Terrorangriff auf wartende Israelis an einer Bushaltestelle wie ein Unfall beschrieben.

Typisch sind auch Klischees bei Darstellungen Israels. Überproportional viele Bilder der Agentur dpa zeigen zum Schlagwort Israel einen Charedi mit Hut und schwarzem Kaftan – gleichgültig, um welches Thema es sich handelt. So wird deutschen Medienkonsumenten ein Wiedererkennungseffekt präsentiert sowie durch die Suggestion, die israelische Gesellschaft wäre von ultrareligiösen Kräften dominiert, der Fremdheitscharakter verstärkt. Alternativ werden Israelis häufig mit Waffe oder in Uniform gezeigt, um ihren „Militarismus“ zu unterstreichen. Seit 2003 wird bei jeder besseren Gelegenheit auch noch die „Mauer“ gezeigt; gerade bei Deutschen bewirkt das den aha-Effekt und erinnert an die Berliner Mauer, die gewaltfrei überwunden wurde. Dass Israel 2003 eine „Mauer“ baute, erscheint in diesem Licht rückständiger und unmenschlicher. Dass die Israelis mit dieser Methode einen mörderischen Terror über zehn Jahre lang weitgehend bremsen konnten, ist nur selten der Erwähnung wert.

Biblische Vergleiche, darunter das David-und-Goliath-Motiv, gehören zum ständigen Repertoire der Berichterstattung. Dieses Motiv wird gerne auch in Karikaturen verbreitet, wobei Israel – oft zusammen mit den Vereinigten Staaten – als übermächtig gezeigt wird, die gegenüberstehenden Palästinenser dagegen als ohnmächtig.

In diesem Zusammenhang sind auch regelrechte Kampagnen der Medien, zum Beispiel den Gazastreifen immer nur als desolaten, von den Israelis zusammengeschossenen Trümmerhaufen darzustellen, zu sehen. Dabei gibt es in dem engen Küstenstreifen Luxusviertel, Villen, Luxushotels und Restaurants, in den denen man die teuersten Delikatessen der Welt bestellen kann. Auch die Märkte und Einkaufszentren haben gefüllte Regale mit Waren, die aus Israel angeliefert worden sind. Trotz „Blockade“ rollen täglich hunderte Lastwagen mit Gütern aller Art in den Gazastreifen. Über zehn Hochspannungsleitungen beliefert Israel den Gazastreifen mit Strom. Und ohne das von Israel gelieferte Trinkwasser säßen die 1,8 Mio. Bewohner des Gazastreifens längst auf dem Trockenen. Berichtet wurde dagegen, dass Israel Staudämme geöffnet hätte, um den Gazastreifen zu überfluten – Staudämme, die es überhaupt nicht gibt. Haltlose Behauptungen begegnen einem beim Thema Wasser jedoch immer wieder – zuletzt bei einer Rede des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz in der Knesset, der Vorwürfe aus europäischen und arabischen Medien ungeprüft übernahm.

Ähnlich schlimm, aber ohne vergleichbare Auswirkungen, sind anti-jüdische und anti-israelische Karikaturen in europäischen Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung, die mit wenigen Federstrichen und oft mit simplen Klischees ihre Botschaft überbringen. So bleibt es nicht aus, dass der „Israeli“ oft ähnlich dargestellt wird, wie früher im antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer der „Jude“. Netanjahu wird einfach als „Giftmischer“ gezeichnet, was mittelalterliche Vorurteile über die Juden aufgreift.

Oft resultiert die Verzerrung in der Berichterstattung aus peinlichen und leicht vermeidbaren Fehlern. So wurde nach einer Attacke auf eine Synagoge in Jerusalem durch Palästinenser bei CNN behauptet, dass eine Moschee angegriffen worden sei. Ein Bild von Reuters zeigte Palästinenser bei einer Demonstration mit Flaggen und die Bildunterschrift behauptete: „Orthodoxe Juden beim Gebet“. Leider sind derartig offenkundige „Fehler“ nicht immer sofort zu identifizieren.

 

(Die Inhalte wurden verfasst von Publizisten Sascha Stawski und Ulrich Sahm)